Landwirtschaft als Größenwahn

Ich gebe es zu, ich habe einen Hang zum Größenwahn, oder zumindest eine Neigung zu Projekten denen man einen gewissen Größenwahn nicht absprechen kann. Manchmal mit einem Augenzwinkern, manchmal auch im Ernst. Aber meistens stelle ich die Frage hinten an und entscheide ich mich erst später. Denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein

Vor allem gibt es aber immer etwas, das noch größer ist. Das ist die Landwirtschaft.

Landwirtschaft ist ein Projekt, das heute niemand mehr vorschlagen könnte. Es gibt 1,5 Milliarden Hektar Felder und Plantagen. Dazu kommen noch etwa 3 Milliarden Hektar Weideland.  Das Projekt der Landwirtschaft nimmt als etwa ein Drittel der gesamten Landfläche der Welt in Anspruch, so viel wie alle Wüsten, Eiswüsten und Tundragebiete. Die 1,5 Milliarden Hektar der Felder und Plantagen befinden sich natürlich in ausgesuchten Gebieten mit günstigem Klima und fruchtbarem Boden. Das sind die gleichen Voraussetzungen, die auch ein besonders reichhaltiges Ökosystem hervorbringen könnte.

Tatsächlich werden diese Gegenden nun Jahr für Jahr von möglichst vielen Pflanzen befreit um einer sehr kleinen Auswahl von Pflanzen ein möglichst schnelles Wachstum zu ermöglichen. Das nennt man Landwirtschaft. Sie ist nichts anderes als die Anpassung der wichtigsten Ökosysteme an die menschlichen Bedürftnisse, unter Verdrängung der restlichen Biosphäre aus den fruchtbarsten Gebieten der Welt.

Wer würde so etwas genehmigen?

Die Landwirtschaft ist wie ein Elephant im Raum, über den niemand sprechen möchte. Wir sprechen davon, dass Städte oder Straßen Naturräume zerstören, dass Tagebaue Landschaften unbewohnbar machen. Aber wer wohnt auf einem Feld? Wer geht auf einem Feld spazieren, wer macht dort Picnic, wo ist auf einem Feld die Natur?

Felder sind industrielle Sperrgebiete, die überall weite Landesteile bedecken und trotzdem nicht als solche wahrgenommen werden. Sie sind selbstverständlich. Sie sind jahrtausende alte Teile der Kultur. Wir umgehen und übersehen sie so als wären sie nicht vorhanden, so als könnte nicht an der gleichen Stelle ein Wald mit einem komplexen Ökosystem in allen Ebenen existieren. Es fällt uns nur in umgekehrter Richtung auf, wenn in einem fernen Land genau so ein Wald, so ein komplexes Ökosystem, gerodet werden soll.

In Deutschland kann das fast nicht mehr passieren, weil praktisch das gesamte Land von unzugänglichen Kulturlandschaften überzogen ist. Der Rest sind oft restriktiv regulierte Naturschutzgebiete, die nur begrenzt auf den vorgesehenen Pfaden zugänglich sind. Schon der einfache Akt in einem Zelt zu übernachten ist nur auf ausgewiesenen Plätzen überhaupt erlaubt. Die Erfahrung einer echten frei zugänglichen Landschaft kann man in Deutschland nicht machen. Die Natur wird in Deutschland und auch Westeuropa allgemein praktisch komplett von der Gesellschaft dominiert. Das ist einer der Gründe, weshalb jeder Eingriff in die Natur – egal ob in Deutschland oder anderswo – als großer Verlust angesehen wird.

Die Landwirtschaft stellt jedes andere Projekt der Menschheit ohne weiteres in den Schatten. Sie ist eine Notwendigkeit für das Überleben der Menschheit und es wird uns nicht gelingen, die Probleme die sie verursacht zu ignorieren.

Die Aussichten sind aber keineswegs schlecht. Die Erträge der Landwirtschaft liegen heute weltweit noch immer unter der Hälfte dessen, was in den “entwickelten” oder “westlichen” Staaten der Normalfall ist. Selbst ohne grundsätzliche Verbesserungen durch neue Anbautechniken, zielgenaueren Einsatz von Dünger und Pestiziden, weiterer Züchtung und Gentechnk ist eine Verdoppelung der weltweiten Nahrungsmittelproduktion ohne zusätzliche landwirtschaftliche Flächen möglich. Die Weltbevölkerung wird aber voraussichtlich nur noch um etwa 30-40% steigen.

Das größte Megaprojekt der Menschheit könnte also in diesen Jahren seinen Zenit erreichen und weltweit, wie bereits in Europa, wieder mehr Flächen mit einem größeren Freiraum für freie Ökosysteme gewähren. Das wird aber nicht passieren, wenn weiterhin die Landwirtschaft über die Nahrungsversorgung hinaus in die Energiewirtschaft eingebunden wird. Es wird auch nicht passieren, wenn weiterhin die Einführung neuer Konzepte und Techniken in der Landwirtschaft verhindert wird.

Es gehört aus meiner Sicht zu unserer Pflicht die Flächen die für die Landwirtschaft benötigt werden zu reduzieren, aber gleichzeitig nicht die Nahrungsversorgung zwangsweise zu beschränken. Die Menschen in den zur Zeit armen Ländern werden es nicht akzeptieren, wenn wir aus unserem Wohlstand heraus verlangen, dass diese eine andere Ernährung als wir selbst haben sollten.

Manches das dafür nötig ist, mag unbequem sein. Es mag neuer Regeln bedürfen und neuer Kooperationen. Es wird neue Probleme aufwerfen, aber viele alte Probleme lösen. Mehr Raum für eine freiere Entfaltung der Natur ist unabdingbar, wenn der Naturschutz mehr sein soll, als nur ein hinterherweinen hinter verlorenen Ökosystemen.

Vor allem aber heißt es, der Landwirtschaft eben NICHT als Größenwahn gegenüber zu treten. Es heißt eben nicht, die Landwirtschaft als Feind anzusehen. Es heißt nicht, die Landwirtschaft zerstören zu wollen. Es heißt, der Landwirtschaft beizustehen und sie so gut es geht zu verbessern.

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