Medienkrise – oder – Welchen Wert der Journalismus heute noch hat

Journalisten wollen für ihre Arbeit Geld bekommen. Das ist verständlich. Aber immer öfter stelle ich mir die Frage: Wofür denn eigentlich?

Geld gibt es nicht für die Arbeit an sich, sondern für das Ergebnis der Arbeit. Es reicht also nicht zu sagen: Wir arbeiten hart, also haben wir Geld verdient. Wenn das Ergebnis der harten Arbeit keinen Wert hat, dann ist die Arbeit in Hinsicht auf das Geld leider vergebens.

Welchen Wert hat ein Zeitungsartikel, der den gleichen Inhalt wie eine Pressemeldung hat? Er hat einen Wert durch die Auswahl der Pressemeldung. Ein Redakteur hat eine Meldung gesehen, die er für interessant hält. Das ist der Wert. Er könnte ihn realisieren, indem er einen HTML Link setzt, mit dem Hinweis: Das könnte sie interessieren.

Wieviel Geld kann man dafür erwarten? Praktisch keines mehr. Das macht im Internet jeder und die meisten Zeitungen, Fernseh- und Radiosender tun es besonders spät und unoriginell.

Nun würde ich sehr gern sagen, dass ich hier unfair argumentiere. Zur Aufgabe des Journalisten gehört schließlich nicht nur die Auswahl von Pressemeldungen, sondern auch die journalistische Arbeit und Recherche. Was in einer Zeitung steht, das kommt nicht von irgendeinem anonymen Wicht im Internet mit Pseudonymen wie TP1024. Nein,  was in der Zeitung steht, das hat Hand und Fuß!

Aber wenn man eine Aussage in einem Artikel in der Wikipedia auf Plausibilität prüfen will, dann gibt es einen zuverlässigen ersten Schritt: Wenn die Quellenangabe auf eine Zeitung verweist, sollte man der Aussage auf keinen Fall trauen. Wenn man auch nur eine kurze Seminararbeit in der Universität schreibt und dabei auf Zeitungsartikel als Quelle verweist, erntet man (hoffentlich) eine verdiente Standpauke.

Die Medienkrise besteht darin, dass Profis meist nur noch Arbeit auf Amateurniveau abliefern.

Mit der Glaubwürdigkeit der Medien ist es nicht weit her. Das liegt nicht an Trollen, die die Glaubwürdigkeit des Journalismus mit Absicht beschädigen würden, sondern an schlechter Arbeit.

Die Medienkrise besteht nicht darin, das heute Amateure die gleiche Arbeit wie die Journalistischen Profis machen würden. Sie besteht darin, dass die Profis meist nur noch Arbeit auf Amateurniveau abliefern. Journalistische Arbeit, die ihrem Anspruch tatsächlich gerecht wird, ist kein Amateurgeschäft.

Ein Journalist ist nicht dafür da, Pressemeldungen leicht umformuliert weiter zu leiten. Egal wie toll das Layout ist, egal ob die Meldung frei von Tippfehlern ist, egal ob das Magazin auf Glanzpapiergedruckt wurde oder die Webseite von einem Top-IT-Multimedia-Team betreut wird, wenn sich die Journalistische Leistung darauf beschränkt, hat sie keinen Wert.

Journalisten haben die Aufgabe den Inhalt von Meldungen zu überprüfen. Das ist harte Arbeit. Es ist wrklich harte Arbeit sicher zu stellen, dass eine Meldung korrekt ist. Aber tatsächlich machen die meisten Journalisten diese Arbeit nicht einmal im Ansatz. Das habe ich hier in diesem Blog mehrfach beschrieben (und noch viel öfter festgestellt).

Zum Beispiel: In der Gegend um Gorleben gibt es heute ein für Deutschland völlig durchschnitlichen Verhältnis von Jungen zu Mädchen Geburten. (51,4% Jungen) Dennoch meldeten Zeitungen und Fernsehsender im November 2011 gleich reihenweise, dass in der Gegend angeblich zu wenige Mädchen geboren würden, seit das Zwischenlager eingerichtet wurde. (Tatsächlich wurden vorher ungewöhnlich viele Mädchen geboren.)  Der Grund für angeblich fehlenden Mädchen sei, dass sie noch im Bauch der Mutter durch Radioaktivität getötet würden. Die Meldung kam von Greenpeace. Man kann sie nur als Propagandalüge bezeichnen, aber sie wurde in allen Redaktionen unbesehen ohne Recherche durchgereicht.

Die Aufgabe von Journalisten ist es, solche Lügen zu erkennen. Allein die Quelle der Meldung und der dramatische Inhalt, lassen an der Glaubwürdigkeit zweifeln. Eine Überprüfung wäre sehr leicht gewesen, wieviele Jungen im Vergleich zu Mädchen um Gorleben herum geboren wurden, war überall Teil der Meldung. Man hätte die Zahl leicht mit dem Durchschnitt von Deutschland vergleichen können und die Lüge entlarven können. Das dauert höchstens 5 Minuten. Reihenweise sind Redaktionen von Zeitungen und TV Sendern gescheitert, einen 5 Minuten dauernden Test auf Glaubwürdigkeit durchzuführen.

Das ist ein Beispiel von vielen, aber ein markantes. Eine Lüge wurde verbreitet. Mit Sicherheit ohne Mitwissen der Journalisten. Sie waren schlicht nicht kompetent genug um die Lüge zu erkennen. Ihnen fehlten die objektiven Maßstäbe um die Meldung mit ausreichendem Abstand zu bewerten. Sie haben keine journalistische Arbeit geleistet.

Ganz ähnliches gilt für das völlige Versagen der Berichterstattung über Hintergründe zu japanischen Kernkraftwerken. Man könnte eine Unzahl weiterer Beispiele anbringen. Extremwetterereignisse werden grundsätzlich als extremer bezeichnet, als sie tatsächlich sind, weil Journalisten keinerlei Recherche durchführen.

Es gibt einen Wikipedia Artikel namens “List of New York Hurricanes”. Ein einfacher Blick auf den Artikel (und anschließene Überprüfung mit davon unabhängigen Quellen) hätte in einer Minute jede Berichterstattung über die Hurricanes “Irene” (2011) und “Sandy” (2012) als noch nie dagewesene Katastrophen im Ansatz unterbunden, wie ich bereits 2011 hier beklagte.

Etwas schwieriger wäre es gewesen herauszufinden, dass das Hochwasser des Indus in Pakistan (2010) keinesfalls größer war als das Hochwasser von 1929. Aber wir haben es mit Profis zu tun. Ich habe keinerlei Verbindung zu Experten, ich kann nur googeln. Dennoch habe ich es mit einer gezielten Suche (mit Google Scholar) herausgefunden. Von Profis erwarte ich nichts geringeres. Aber selbstverständlich wurde das Hochwasser als noch nie dagewesenes Ereignis bezeichnet, es gab keinerleich historische Einordnung. Tatsächlich handelte es sich um ein normales Jahrhunderthochwasser. Was das bedeutet, habe ich im Dezember beschrieben. (Nie dagewesen ist lediglich die Zahl der Bewohner der Region. 2010 waren 20mio Menschen vom Hochwasser betroffen, 1929 lebten in ganz Pakistan kaum mehr als 20mio Menschen.)

Die einzige Lüge, die man unterstellen könnte, ist die Behauptung echte journalistische Arbeit zu leisten.

Das ist natürlich kein Grund, diese Arbeit mit dem alten Begriff der “Lügenpresse” zu belegen, wie er seit wenigstens 1835 gebräuchlich ist. (Der besagt, dass die Presse Teil einer Verschwörung zur Erreichung eines Zieles ist, wie etwa die 1848er Revolution. Unterstellt wurde er jedem. Juden, Katholiken, Franzosen etc. zu jedem beliebigen Zweck.)

Die einzige Lüge, die man unterstellen könnte, ist die Behauptung echte journalistische Arbeit zu leisten. Das geschieht noch, keine Frage. Aber bei weitem nicht in dem Umfang, wie es dem eigenen Anspruch auch nur im Ansatz gerecht würde.

Es hat übrigens auch nichts mit journalistischer Berichterstattung zu tun, wenn ein Artikel nach dem Schema geschrieben wird “Wir reden über Thema [X]. Wir haben [A] gefragt und er hat [a] gesagt. Wir haben [B] gefragt und er hat [b] gesagt.” Es mag faktisch richtig sein, dass [A] und [B] gesagt haben, was sie gesagt haben sollen, aber darin besteht nicht der journalistiche Wert.

Der journalistische Wert besteht allein schon in der Auswahl der Fragen. Bevor eine Frage formuliert wird, sollte sich der Journalist bereits mit dem Thema vertraut gemacht haben und wissen, wie er das Thema grundlegend seinen Lesern vermitteln kann. Das ist seine Aufgabe, nicht die Aufgabe eines Experten der interviewt wird. Der Journalist sollte seine Frage auf das beschränken, was tatsächlich einen zusätzlichen Informationswert hat.

Wer sich als Journalist mit den Grundlagen bereits vertraut gemacht hat, wird nicht nur den Antworten der Experten auch sehr viel mehr abgewinnen können. Der Journalist wird auch bemerken, dass die Experten ihm sehr viel positiver und offener gegenüber treten. Niemand mag es einem Journalisten Fragen zu einem Thema zu beantworten, das den Journalisten nicht interessiert, der die Antworten nicht verstehen und deshalb einen naiven und sachlich falschen Artikel schreiben wird. Solche Artikel haben keinen journalistischen Wert.

Der fehlende journalistische Wert steht hinter der Medienkrise.

Natürlich müssen Journalisten nicht perfekt sein. Sie sind keine Experten und sie machen Fehler. Aber wenn selbst einfachste Recherchen, Googleanfragen und Überlegungen zur Plausibilität immer wieder nicht durchgeführt werden, dann hat die Berichterstattung keinen journalistische Wert.

Es ist genau dieser fehlende journalistische Wert, das Fehlen der eigentlichen journalistischen Arbeit, das hinter der Medienkrise steht. Er ist die Ursache für das Unbehagen beim Konsum der Medien, dem Wiederaufleben von Begriffen wie “Lügenpresse” und der Feindseligkeit gegenüber Journalisten.

Es geht um viel. Ein objektive und korrekte Berichterstattung durch die Medien ist ein essentieller Bestandteil jedes freien Landes. Nicht zuletzt ist das Fehlen des journalistischen Wertes auch der Grund für das schrumpfende Interesse an Berichterstattung, denn hinter der Fassade ist immer weniger, das von Interesse wäre. Das Abgleiten der Medien in etwas, das man im Grunde nur noch einen so-tun-als-ob-Journalismus nennen kann, richtet heute bereits verheerende Schäden in der Gesellschaft an und wird es auch weiter tun, wenn sich nicht sehr bald wieder die journalistische Professionalität in den Medien durchsetzt.

Dazu braucht es keine Solidarität und keinen Schulterschluss unter den Journalisten. Es braucht nur Respekt für gute Arbeit in der Recherche und die klare, schonungslose Benennung von schlechter, oberflächlicher und fehlerhafter Arbeit. Wo gute Arbeit erkannt und respektiert wird, entsteht Solidarität von allein. Wo Inkompetenz vertuscht und Fehler nicht angesprochen werden, da herrschen Neid, Missgunst und Überheblichkeit.

Ich wünsche mir sehr einen Journalismus, den ich respektieren kann. Ich würde gerne meinen Anteil dazu leisten.

Dieser Blog lebt von der Aufmerksamkeit seiner Leser. Wem er gefällt sollte ihn dringend weiter empfehlen, denn die Motivation zum Schreiben steht und fällt mit dem gelesen-werden. Bitte hinterlasst auch bei Kritik einen Kommentar. Ich weiß, dass mein Schreibstil nicht gut genug ist, wer sagen kann, was sich verbessern läßt, wird ein offenes Auge finden. Man findet mich auf Twitter als @tp_1024 und kann mich unter zaiwodejia@googlemail.com erreichen.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s