Warum Klimakonferenzen scheitern müssen

Die ersten Entwürfe für die Abschlusserklärung der Klimakoneferenz von Lima wurden veröffentlicht. Kommentare gibt es reichlich, aber keines zeigt das Problem so gut, wie ein Artikel der Zeit unter der Überschrift “Keiner will auf Wohlstand verzichten”.

In der Tat, keiner will auf Wohlstand verzichten. Das ist völlig normal, denn das was ohne Wohlstand übrig bleibt, nennt man Armut. Armut war in der Geschichte der Normalzustand der meisten Menschen. Eine Gesellschaft in der Unterkunft, Bildung, gute medizinische Versorgung und ausreichend Nahrung zumindest für die Mehrzahl der Menschen gesichert sind, ist neu. Sie ist eine große Errungenschaft.

Aber die Überschrift der Zeit meint etwas ganz anderes. Es geht nicht um die Feststellung, dass niemand auf Wohlstand verzichten will, sondern um die Forderung, dass die Gesellschaft auf Wohlstand verzichten soll! Damit einher geht die ideologische Forderung, es dürfe kein weiteres Wirtschaftswachstum mehr geben.

Zu dieser Gesellschaft zählt sich die Autorin, ebenso wie die Aktivsten, natürlich nicht selbst. Denn man stelle sich für einen Moment vor, diese Leute müssten ab sofort in einer Gesellschaft leben, die für den Durchschnitt auf der Welt repräsentativ ist. Das Bruttoinlandsprodukt beträgt heute auf der Welt pro Kopf etwa 10.000 Euro pro Jahr. Das entspricht natürlich nicht dem Lohn, der ist niedriger, denn im BIP sind auch Annehmlichkeiten wie Rente oder Krankenversorgung mit eingeschlossen. Die würden natürlich auch auf das für den Weltdurchschnitt angemessene Niveau reduziert.

Auf Wohlstand verzichten sollen selbstverständlich die anderen. Wieso sollte man auch selbst auf Wohlstand verzichten, wo man doch schon eigenhändig mit einfältigen Zeitungsartikeln und Protestaktionen zur Weltrettung beiträgt?

Die Forderung, auf Wohlstand zu verzichten, kann auch sonst nicht ernst gemeint sein. Denn man kritisiert immer wieder die Armut in Ländern wie Brasilien oder China. Diese Länder entsprechen aber ungefähr dem Weltdurchschnitt. Das Niveau dieser Länder wäre es, auf das wir fallen würden, wenn wir blind den selbstgerechten Parolen einer privilegierten Minderheit in unseren “entwickelten” Ländern folgen würden. Wer sich fragt, weshalb die Verhandlungen auf Klimakonferenzen so schleppend voran gehen, der findet hier die Antwort. Die “Lösungen” sind einfach in jeder Hinsicht inakzeptabel, abgesehen für eine kleine Minderheit von Leuten, die sich im Umfeld dieser Gipfel in den Medien lautstark zu Wort melden.

Es gibt ein oder zwei Milliarden Menschen auf dieser Welt, die einen gewissen Wohlstand erreicht haben. Die anderen fünf oder sechs Milliarden haben diesen Anspruch ebenso und er darf ihnen nicht verweigert werden. Aber jede “Lösung” die heute diskutiert wird, läuft auf eine Verweigerung hinaus.

Der Wohlstand der Menschheit ist keine Verhandlungssache, sondern notwendig um die Würde aller Menschen sicher zu stellen. Die Anstrengungen, die heute unternommen werden, zielen aber nicht darauf ab, schnellstmöglich allen Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen. Vielmehr fordert man Verzicht von Wohlstand.

Die Gesellschaft in unseren “entwickelten” Ländern ist heute so kurzsichtig, dass sie eine Reduktion von CO2 in eine Forderung verwandeln kann, die zwangsläufig Milliarden von Menschen ein nach unseren eigenen Maßstäben würdiges Leben verweigern wird.

Wie konnte es dazu kommen?

Ein Gespenst geht um in der westlichen Welt. Das Gespenst des Malthusianismus. Seit über 200 Jahren (und wohl auch schon davor) breitet sich immer wieder der Gedanke in unserer Gesellschaft aus, dass nicht genug für alle da ist. Dahinter steckt der feste Glaube, dass die Welt ein Nullsummenspiel ist.

Dieser Glaube ist gefährlich. Der Imperialismus des 19. Jahrhunderts kam durch dieses Denken zu stande. Der erste Weltkrieg wurde letztlich ausgelöst, weil der Zerfall des Osmanischen Reichs begann und mehrere Mächte glaubten für die Zukunft ihrer Nation einen Teil des Reichs erobern zu müssen, weil nach der Kolonialisierung des afrikanischen Kontinents kein Platz für weitere Ausdehnung ohne Krieg mehr übrig war. Im zweiten Weltkrieg ging es uns Deutschen um mehr Lebensraum im Osten. Heute haben wir viel weniger “Lebensraum” und dennoch mehr Wohlstand.

Kann man Wohlstand für alle sichern?

Auch wenn es oft wiederholt wurde, der Wohlstand der Industrieländer beruht nicht auf der Verbrennung von Gas, Öl oder Kohle. Er beruht aus einer Kombination aus Energieversorgung und Infrastruktur.

Woher die Energie kommt, ist letztlich egal. Frankreich hat zwischen 1978 und 1988 eine Energiewende geschafft, von der Deutschland heute nur träumen kann. Zwei Drittel der Stromversorgung wurden von Öl und Kohle auf Kernkraft umgestellt. Inzwischen werden in Frankreich nur 10% des Stroms mit CO2 Emissionen erzeugt. Der Rest besteht aus 75% aus Kernkraft, sowie Wasserkraft, Wind und Photovoltaik. Darüber hinaus verbraucht man in Frankreich zusätzlich zu jeder kWh Strom noch 1,5kWh aus Öl und Gas für Verkehr, Wärme und Industrie.

In Deutschland werden etwa 60% des Stroms mit CO2 Emissionen erzeugt und man verbraucht man zu jeder kWh Strom noch knapp 2,5kWh Wärme aus Öl oder Gas. In Frankreich wird also ein großer Teil des Öl- und Gasverbrauchs durch Strom ersetzt. Ein gut ausgebautes, zentral geplantes Schienennetz ist dafür genauso unabdingbar, wie ein niedriger Strompreis. Frankreich zeigt, dass Wohlstand und CO2 Reduktion in einer modernen Gesellschaft Technik vereinbar sind.

Natürlich ist Frankreich ein kontroverser Fall. Man diskutiert über “unkontrollierbare Risiken und Gefahren” von Kernkraft. Aber was ist die Alternative?

Die Alternative die heute angeboten wird, ist die Verpflichtung zu weltweitem Verzicht auf Wohlstand. Wobei unausgesprochen bleibt, dass man in einer demokratischen Gesellschaft nicht auf den eigenen Wohlstand verzichten können wird und man ganz nebenbei die Würde der Menschheit als Ganzes zum Verhandlungsgut macht.

Man geht heute den bequemen Weg jeder Protestbewegung. Man besteht auf einer unmöglichen Lösung. Danach sagt man, dass niemand das Problem löst, obwohl man doch eine Lösung hat. Man kann sich der Popularität dieser Forderung sicher sein, weil niemand die Schattenseiten der angeblichen Lösung diskutiert.

Die heutige Politik, die Forderung auf Wohlstand zu verzichten, läuft unweigerlich auf einen Weltkrieg hinaus. Keinen Bürgerkrieg in Europa, wie im 20. Jahrhundert, sondern einen Krieg all jener Menschen denen der Wohlstand verweigert wird, gegen jene, die den Wohlstand verweigern. Deswegen wird diese Politik auch nicht durchgesetzt.

Wir sollten das reihenweise Scheitern der Klimakonferenzen als einen Triumpf der menschlichen Vernunft über ideologische Blindheit feiern.

Wie kann eine Lösung aussehen?

Jede Politik zur Reduktion von CO2 Emissionen muss zuerst die Würde der Menschheit als Ganzes sicherstellen. Das heißt auch Wohlstand für alle, ausnahmslos. Vielen entgeht heute die Ironie der Behauptung, dass die ärmsten Menschen vom Klimawandel am stärksten betroffen seien. Sie sind nicht vom Klimawandel betroffen, sondern von ihrer Armut. Kein Sturm, keine Dürre, keine Hitzewelle, keine Überschwemmung kann in einem entwickelten Land derartiges Leid verursachen, wie in einem armen Land.

Die Entwicklung der Länder, hin zu mehr Wohlstand und weniger Armut, muss deswegen die oberste Priorität sein und darf nicht, wie bisher, hinter CO2 Zielen zurück stehen. Um beides zu erreichen muss das gesamte Repertoire der vorhandenen Technologie ausgenutzt und ausgebaut werden.

Dazu gehört zuerst die Verbreitung der Technologien, die in den entwickelten Ländern zu einer viel effizienteren Energienutzung aus Kohle, Gas und Öl geführt haben. In einer Welt, die nicht von Heute auf Morgen auf diese Energieträger verzichten kann, ist das essentiell. Es wird aber nicht einmal diskutiert, weil man glaubt damit der Kohle, Öl und Gasnutzung Vorschub zu leisten. Die Nutzung dieser Energieträger sollte gerade in Entwicklungsländern kein Tabu sein und ihnen nicht zum Vorwurf gemacht werden, wenn man nicht gleichzeitig eine nachweislich bessere Lösung anbietet und auch durchführt.

Das mag unbequem sein für die reine Lehre der CO2 Reduktion, aber Armut ist noch viel unbequemer.

In den Industrieländern, insbesondere in Deutschland, sollte man endlich anfangen die Frage in den Vordergrund zu stellen, welche Techniken die erschwinglichsten sind. Die Energiewende scheitert nicht an Lobbyisten, sondern an ihren Kosten. Denn anstatt die günstigsten Energieformen am meisten zu fördern, hat man die teuersten am meisten gefördert. Anstatt von Laufwasserkraftwerken und Windkraftanlagen an Land, fördert man den Ausbau von Photovoltaik, Biogasanlagen und Off-Shore Wind.

Um eine möglichst schnelle Umstellung zu erreichen, müsste man den Ausbau der billigsten Formen fördern. Das ist aber nachweislich nicht geschehen.

Die Probleme mit der Nutzung der Kernkraft sind sehr viel leichter zu lösen, als die Probleme ohne Nutzung der Kernkraft. Ich spreche hier auch nicht von veralteten und vernachlässigten Kernkraftwerken, wie in Japan, sondern neuen Kernkraftwerken auf dem aktuellen Stand der Technik. Die Aufarbeitung von Brennstäben ist ein längst etabliertes Verfahren, mit dem man die Lagerung des Restmülls auf Zeiten von höchstens 10.000 Jahren beschränken kann. Zur Verbesserung dieser Verfahren (Abtrennung aller Spaltprodukte von den Actiniden) fehlt nur noch die Zulassung und der Bau der nötigen Anlagen, die chemischen Grundlagen an sich sind längst bekannt. Dabei kann man sich Zeit lassen. Einige Jahrzehnte mehr oder weniger spielen bei diesem Problem keine Rolle. Die Lagerzeiten werden sich nach Abtrennung der Actinide auf etwa 1000 Jahre beschränken, was geologisch gut beherrschbare Zeiträume sind. (Danach entspricht die Radioaktivität dem Niveau vor dem Abbau der Uranerze in der Erde.)

Aber es geht nicht nur um Kernkraftwerke. Einige alte Techniken wie die Geothermie könnten in den Entwickelten Landern viel besser genutzt und in Entwicklungsländern überhaupt zugänglich gemacht werden. Der Bau von Wasserkraftwerken wird immer wieder von Demonstrationen begleitet oder von ihnen verhindert. Es werden aber keine durchführbaren und finanzierbare Alternativen angeboten. Meistens, weil Alternativen nicht existieren.

Es wird nicht explizit gesagt, aber implizit hat ein solches Vorgehen die Folge, dass die Bevölkerung und die Wirtschaft des Landes weniger Energie hat. In einem Entwicklungsland bedeutet das aber nicht, dass man Energie einsparen muss. Es bedeutet, dass nicht genug Energie da ist. Es bedeutet Armut. Dieses Vorgehen ist unmoralisch.

Ein unbequemer Weg in eine bessere Zukunft

Der Weg zuerst die Entwicklung des Wohlstandes zu sichern mag nicht bequem sein. Er lässt sich auch nicht in ideologisches Schwarz/Weiß Denken verpacken. Die Energieerzeugung mit Kohle, Öl oder Gas ist billig und muss deswegen heute erste Wahl bei der Verbesserung der Bedingungen in Entwicklungsländern sein. Die Reduktion muss in den Industrieländern beginnen und mit den bestmöglichen Mitteln durchgeführt werden. Nicht nur um die Emissionen der Industrieländer zu senken, sondern auch um die Durchführbarkeit zu demonstrieren und die Probleme zu lösen, die dabei unvermeidlich auftreten werden.

Der Weg ist nicht bequem, aber er entspricht am ehesten einem Weg der die Menschlichkeit nicht auf der Strecke zurück lässt und die Menschheit als ganzes ein gutes Stück voran bringen wird. Wir glauben heute, dass den Menschen in den Entwicklungsländern kein Wohlstand erlaubt werden darf, weil dieser Wohlstand uns gefährdet. Aber das glauben wir nur, weil die Alternativen an vielen Stellen von ideologischen Scheuklappen und schlichter Unwissenheit über die technologischen Möglichkeiten verdeckt werden.

Zum Glück gibt es Menschen, die diese Konflikte sehen. Die einen wollen davon profitieren, die anderen wollen sie verhindern. Das Scheitern der Klimagipfel geht auf beide Gruppen zurück – es wäre töricht anzunehmen, dass alle Akteure aus moralisch höchsten Motiven handeln. Auf allen Seiten finden sich schamlose Profiteure. Aber egal was die Intentionen der einzelnen Akteure ist – der Grund für das Scheitern der Verhandlungen liegt nicht in den Motiven der Akteure, sondern in der Unmöglichkeit (und zuweilen Unmenschlichkeit) der Forderungen.

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