Ist Forschung zu teuer? Ja.

Wenn ein Thema hauptsächlich polemisch diskutiert wird, neigt man sehr leicht dazu, sich der einen Seite anzuschließen und die Argumente der anderen zu vergessen. Aber eines muss man sich immer vor Augen halten: Auch ein polemisch vorgebrachtes Argument kann im Kern ein gutes Argument sein.

Es ist mir selbst schon oft passiert, dass ich nach einer hitzigen Debatte feststellen musste: Mein Argument war korrekt, aber die Form indiskutabel. Im wortwörtlichen Sinn.

Die Diskussion über Forschungsgelder ist so ein Thema. In der Hauptsache läßt sich die öffentliche Diskussion auf zwei Standpunkte eindampfen:

  1. Forschung ist zu teuer, wir können mit dem Geld besseres machen.
  2. Forschung ist viel zu wichtig, wenn überhaupt, dann brauchen wir mehr Geld für die Forschung.

In meinen Augen haben beide Seiten recht.Forschung ist zu teuer. Angestoßen zu dem Thema wurde ich durch eine Diskussion über Rosetta. Wären die 1,4 Milliarden Euro nicht besser in der Entwicklungshilfe aufgehoben? Lars Fischer bringt dort ein gut begründetes Argument, weshalb das wohl kaum Zielführend sein würde. Aber erweitern wir einmal die Fragestellung (ich lass mal den BWLer und VWLer raus): Gäbe es nicht irgendetwas anderes, das man mit dem Geld und dem Aufwand hätte anfangen können?

Die Antwort lautet immer: Ja. Man spricht etwas hochtrabend von “Opportunitätskosten”. Gemeint ist die Tatsache, dass man immer nur eine Sache gleichzeitig machen kann. Man kann auf einem Acker nicht sowohl eine volle Roggenernte als auch eine Weizenernte einbringen. Man muss sich schon entscheiden, ob man will oder nicht.

Nach Adam Smith besteht der Wohlstand einer Nation in den Gütern, Dienstleistungen und Annehmlichkeiten, die die Nation ihren Bewohnern zur Verfügung stellen kann (oder über den Umweg des Handels erwerben kann). Würde ich ein Buch über den Wohlstand der Welt schreiben, so würde ich das gleiche schreiben, nur dass der Handel mit den Außerirdischen derzeit noch gewissen Beschränkungen unterworfen ist.

Wir sind es der Bevölkerung dieses Planeten schuldig, die Opportunitätskosten der Forschung zu minimieren. Denn der Aufwand den wir für Forschung betreiben, kann in anderen Feldern nicht mehr betrieben werden und zwar egal ob es ein anderes Feld in der Forschung oder der profanen Welt da draußen ist. In jedem Fall wird die Welt als ganzes davon profitieren. Sei es durch mehr Möglichkeiten zur Forschung für den gleichen Aufwand oder durch mehr Yachten am Pier.

Ich verlange keine Perfektion, die wird man nie erreichen. Aber man kann verlangen, dass man den Weg des geringeren Aufwandes wählt, wenn man dennoch das gleiche Ergebnis erwarten kann.

Es ist keineswegs unanständig zu hinterfragen, ob eine Mission wie Rosetta wirklich 1,4 Milliarden Euro kosten musste. Der Vergleich mit einem Kommunikationssatelliten wie Satmex 7 ist frappierend. Man bekommt einen Satelliten in ähnlicher Größe mit modernen Ionentriebwerken und größerer Lebensdauer bekommt für weniger als ein Zehntel des Preises. Inklusive Startkosten, Versicherung und Kreditzinsen.

Woher komen die Kosten?

Schon der gesunde Menschenverstand sagt: Rosetta ist kleiner als ein PKW. Egal woraus das Ding besteht, es gibt keinen Grund weshalb es fast soviel kosten sollte, wie zwei Kreuzfahrtschiffe. Am Raketenstart liegt es nicht. Eine Ariane 5 kostet auch ohne Subventionen nur etwas mehr als 100mio Euro.

Und Rosetta ist kein Einzelfall. Obwohl eigentlich schon. Fast jede Mission in der Weltraumforschung ist ein Einzelfall. Kaum hat man die jeweils neuste und beste Sonde entwickelt, schon kommt die Entwicklung in den Mülleimer und man fängt wieder von vorn an. Die äußerst erfolgreichen Marsrover Spirit und Opportunity haben zusammen etwa eine Milliarde Euro gekostet. Der Großteil der Kosten geht für die Entwicklung drauf. Hätte man nur einen Rover gestartet, wären die Kosten kaum kleiner gewesen.

Der Unterschied liegt in der Mentalität von Forschung und Wirtschaft. Wenn man einmal einen Kommunikationssatelliten entwickelt hat, dann baut man ihn immer wieder, jeweils angepasst auf die Bedürftnisse des Kunden. Man fängt nicht bei jedem Satelliten wieder bei Null an.

Vergleichen wir das mit den Mars Rovern. Der neuste Rover, Curiosity, hat $2,3 Milliarden Dollar gekostet. Natürlich bringt er neue Instrumente mit und ist viel Leistungsfähiger. Aber es ist nur ein Rover, den man mit größter Vorsicht vor allem erst einmal in einem Gebiet landen muss, das möglichst langweilig ist um eine sichere Landung zu gewährleisten. Die Forschung spielt da schon nur noch die zweite Geige, weil das neue Spielzeug so unglaublich teuer war.

Für $2,3 Milliarden hätte man aber nicht nur 4 neue Rover wie Spirit und Opportunity bauen können. Zehn Stück wären mindestens drin gewesen, wenn nicht noch mehr. Die Pläne sind bekannt. Die Schwachstellen sind bekannt. Man kann sich fast den gesamten Prozess der Qualitätssicherung sparen, weil er größtenteils schon durchlaufen wurde. Vielleicht hätte man eine größere Transportkapsel für den Flug zum Mars entwickeln müssen, mit der man gleich 5 oder 6 auf einmal hätte starten können. Die Raketen hätten es hergegeben. Denn Spirit und Opportunity wurden mit der kleinen Delta II gestartet.

Die Rettung durch den bösen Kommerz

Es spricht wenig dagegen eine Sonde wie Rosetta auf der Basis eines kommerziellen Satelliten zu entwickeln. Die bestehen ohnehin aus einem Satellitenbus und der eigentlichen Nutzlast. Der Bus übernimmt die Triebwerke, die Solarzellen, die Steuerung und die grundlegende Kommunikation mit der Leitstelle – für die eigentliche Nutzlast stellt er Platz und Strom zur Verfügung.

So ein Satellitenbus ist von einer Raumsonde kaum zu unterscheiden. Er wurde schließlich für die gleichen Bedingungen gebaut, nur dass seine Mission meistens deutlich langweiliger ist. Immerhin, der Satellit HGS-1 wurde 1998 nach einem etwas missglückten Start zweimal um den Mond herum gelotzt um doch noch seinen Orbit zu erreichen. Anders als bei Forschungssonden kostet ein kommerzieller Satellit aber 2-3 mal so viel wie die Rakete mit der gestartet wird. Das Budget einer Forschungssonde beträgt meist das 10fache der Startkosten und mehr!

Wer glaubt, es gäbe hier kein Einsparpotential, der irrt gewaltig. Die Kritiker haben vollkommen recht. Es wird sehr viel Geld verschwendet und nicht nur ein paar Millionen hier und da. Sie ziehen aber die falsche Konsequenz, nämlich dass Forschung reduziert werden muss. Nein, sie muss besser werden. Und besser heißt hier einfach billiger. Viel billiger.

Es gibt dazu ein riesiges Arsenal von äußerst effektiven Methoden zur Kostensenkung, die in der BWL entwickelt wurden. Es spricht nichts dagegen, diese Methoden auch in der Forschung anzuwenden, denn auch hier wollen wir das meiste aus den gegebenen Mitteln heraus holen.

Wir können es uns kaum leisten, mit ideologischen Scheuklappen durch die Welt zu gehen und Methoden wie simple Standardisierung nicht zu verwenden, weil sie aus der bösen Welt der Wirtschaft kommen. Es ist egal woher eine Methode kommt, man muss sie anwenden, wenn man sie braucht.

Wirtschaften müssen wir überall, auch ohne Geld. Geld ist nichts als ein Synonym für den Aufwand an menschlicher Leistung die erbracht wurde um etwas zu tun. Diesen Aufwand zu reduzieren sollte auch in der Forschung eine Selbstverständlichkeit sein, schon um der Forschung selbst willen. Denn um so weniger Aufwand getrieben werden muss, um so mehr Forschung kann getan werden.

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