Zwei Gramm Plutonium für Philae

Nun steht es fest, der Landemission von Rosetta, Philae, ist der Strom ausgegangen. Der Landeplatz hat die Sonde vom Sonnenlicht weitgehend abgeschnitten.

“We have 1.5 hours [of sunlight] at less than 1 watt, and 20 minutes of 3 or 4 watts. The lander needs 5 watts to boot….In order to charge the secondary battery, we have to heat it to 0 degrees Celsius. We need about 50-60 watt-hours a day in order to reach 0 degrees and still have daylight left to charge the battery.”

http://elakdawalla.tumblr.com/post/102615327170/philae-update-my-last-day-in-darmstadt-possibly

Die Batterien sind Leer und die Akkus lassen sich nur laden, wenn sie wenigstens 0 Grad Celsius erreichen. Dafür muss man sie mit Strom aufheizen. So weit weg von der Sonne besteht kaum noch eine Chance dafür. Die Solarzellen liefern kaum genug Strom um die Batterien an sich aufzuladen. Aber das Aufheizen macht die Situation weitgehend aussichtslos.

Dabei hätte man die Mission schon am Boden vor diesem Schicksal retten können. Zwei Gramm Plutonium-238 hätte genügt um einen Akku für Jahrzehnte warm zu halten. Neu ist das nicht.


Der Marsrover Opportunity fährt noch heute auf dem eisig kalten Mars umher, inzwischen seit mehr als 10 Jahren. Anders als sein großer Kollege Curiosity bekommt er seinen Strom genau wie Philae von einer Solarzelle, die jeden Tag aufs neue die Batterien auflädt. Damit sie in den marsianischen Winternächten nicht einfrieren, wenn die Sonne tief steht und Strom knapp ist, werden sie von kleinen Zellen mit etwa 2 Gramm Plutonium geheizt. Die sind solide genug verpackt um auch eine Explosion der Trägerrakete oder einen Wiedereintritt in die Erdatmosphäre zu überstehen.

Das ist auch kein großes Kunststück. Der Wiedereintritt in die Erdatmosphäre wurde schon tausendfach durchgeführt, egal ob mit bemannten oder unbemannten Kapseln. Alles von Weltraumsonden über Filmkapseln von frühen Spionagesatelliten (für deren Ersatz die CCD erfunden wurde) bis zu Atomsprengköpfen wurde dafür entwickelt, gebaut und getestet. In den letzten Jahrzehnten hat nur die fragile Konstruktion aus zehntausenden Kacheln beim Space Shuttle versagt.

Trotz der kalten Temperaturen draußen im All, trotz der bewährten Technik und trotz der selbstverständlichen Sicherheitsvorkehrungen scheut man sich vor dieser Lösung. Lieber baut man darauf, dass eine 1.3 Milliarden Euro teure Mission immer genug Strom haben wird um die eigenen Batterien vor dem Laden aufheizen zu können. Und das obwohl sie weiter von der Sonne entfernt unterwegs ist, als jede andere Mission die jemals mit Solarzellen geflogen ist. Man kennt die Lösung für das Problem und man hat alles notwendigen Technologien zur Lösung des Problems. Dennoch werden solche Kapseln bei der ESA nicht entwickelt, weil man sich nicht mehr wagt, das Thema Radioaktivität anzusprechen.

Wir brauchen aber diesen Mut. Wir brauchen den Mut einen Konflikt auch gegen eine Mehrheit mit einer vorgefertigten Meinung auszutragen, wenn wir die Erfahrung mit der Technik und die Sachkenntnis auf unserer Seite wissen und von der Erfahrung und von der Sachkenntnis nicht abweichen. Das heißt nicht, dass Kritik nicht erlaubt wäre. Wenn sie gut begründet ist und eine vorhandene Schwäche aufzeigt, muss man sie ernst nehmen.

Aber niemand hat das Recht zu behaupten, man wüsste nicht, was man tut, nachdem man es über Jahrzehnte erfolgreich getan hat. Es gilt standhaft zu bleiben und die Jahrzehnte der Erfahrung des Wissens gegen jene zu verteidigen, die sich nie damit befasst haben und den Dogmatismus einer konstruktiven Diskussion vorziehen.

Es stellt sich die Frage, wie lange es sich unsere Gesellschaft noch leisten können wird, Ideologie einen höheren Stellenwert einzuräumen als der praktischen Vernunft, die man aus Jahrzehnte langer Erfahrung gewonnen hat.

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