Der lange Weg hierher

Es gibt Dinge die man anfängt und selbst dann noch weiter macht, wenn merkt, dass es nicht das wird, was man haben wollte. Das hier war der Versuch einen Lebenslauf für eine Bewerbung zu schreiben. (Die Bewerbung ging an den Spektrum Verlag, den ich hiermit herzlich grüße.)

Ein Lebenslauf ist es geworden, nur für ein Bewerbungsschreiben taugt er nicht. Für einen Blog schon. Aber lest selbst.

Der lange Weg aus der Schule heraus

Der Wunsch Journalist zu werden war für mich nicht offensichtlich.

In der Schule bekam ich ohne großen Aufwand in fast allen Fächern gute Noten. Ich war aber oft gelangweilt und nahm jedes Jahr mit großer Begeisterung an der Mathematikolympiade teil, weil sie für mich oft die einzige echte Herausforderung im ganzen Schuljahr war. Einmal war ich auch Teilnehmer der Biologie- und Chemieolympiade. Ich wurde Amateurastrom, war im Abitur Jahrgangsbester in Physik und bekam eine kostenlose Mitgliedschaft bei der Deutschen Physikalischen Gesellschaft.

Also begann ich Physik zu studieren, mit dem Ziel Astronom zu werden. Ich wurde Mitglied der lokalen Volkssternwarte und kurz darauf stellvertretender Vorsitzender, weil sich keines der langjährigen Mitglieder für das Amt melden wollte. Ich war naiv genug um nicht einzusehen, dass beides schlechte Ideen waren.

Mein Interesse an Physik und Astronomie war zu der Zeit besonders stark, aber nur eines von vielen. Außerdem war meine Herangehensweise an die Mathematik für ein Studium völlig ungeeignet. Die Herangehensweise war ungefähr die einer ewigen  Mathematikolympiade – ich habe versucht Aufgaben ohne Hilfsmittel zu lösen, nur mit durchdenken der Aufgabe und allem was ich davon ableiten konnte. Dabei kann man wahnsinnig werden. Ich habe kurz vor diesem Punkt damit aufgehört.

Ich hatte nicht verstanden, wie es kam, dass ich Mathematik überhaupt jemals betreiben konnte. Mathematik ist ein Werkzeug, dass man um so besser kennenlernt, um so mehr man es benutzt. Ich hatte in der Schule viel gerechnet, wo immer es geht, und so alles für mich wissenswerte über Arithmetik gelernt. Schließlich war ich an dem Punkt, an dem mir das wie die natürlichste Sache der Welt vorkam. Bis da eine Form der Mathematik auftauchte, die ich nie benutzt hatte und folglich auch nicht einfach so durch nachdenken begreifen konnte.

Das war die Analysis und bis heute habe ich sie nie dauerhaft benutzt. Diese Erkenntnis kam spät. Als ich begriff, dass ich ein ernsthaftes Problem hatte, suchte ich den Fehler bei mir, anstatt in meiner Art zu lernen. Nach insgesamt etwas mehr als 2 Jahren verstand ich meinen Fehler, musste aber erst herausfinden wie man etwas lernt, das man nicht jahrelang benutzt hat und größtenteils schon kennt. Ich habe das in der Schule nie gelernt. Jeder Schulstoff baute nur auf dem auf, was ich ohnehin zur Genüge kannte und brachte so wenig neues hinzu, dass ich es kaum merkte. Daher auch die andauernde, quälende Langeweile.

Am Lernen gescheitert und viel neues gelernt

Es war aber nach 4-5 Semestern zu spät um bessere Lernstrategien zu erlernen. Die Exmatrikulationsbescheinigung nach dem 6. Semester ohne Vordiplom wurde von der Universität nie per Post verschickt. Ich wusste nichts von ihr und so blieb ich bis zum 8. Semester Student.

Bis dahin interessierte ich mich auch für Philosophie und Politik, aber insbesondere für Wirtschaft. Ich laß jede Woche den Economist und schrieb später fast jede Woche Kommentare zu einigen Artikeln. Dieser Blog entstand zu dieser Zeit um Kommentare auch außerhalb von Artikeln auf fremden Webseiten schreiben zu können. Wirklich gut geklappt hat das nie. Aber man kann noch immer einige der Kommentare die ich damals zum Economist geschrieben haben hier nachlesen.

Kurzum, ich kannte mich recht gut mit den Klassikern der Volkswirtschaftslehre aus. Ich war einer der scheinbar sehr wenigen Leute, die Adam Smith auch gelesen hat und nicht nur über ihn spricht. Als mir bewusst wurde, dass ich das Physikstudium abbrechen muss, suchte ich nach Alternativen. Ich entdeckte den Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen und hoffte, dass die vielen verschiedenen Fächer darin meinen Interessen zu gute kommen würden. Ich bewarb mich ein Jahr lang erfolglos für ein duales Studium. Über 40 Bewerbungen wurden meist kommentarlos abgelehnt. Frustriert schrieb ich mich 2008 an einer neuen Universität ein. Meine Fachrichtung war Umwelttechnik. Es ging mir darum die Zahl der naturwissenschaftlichen Fächer zu maximieren um möglichst viel aus meiner Erfahrung und meinen Interessen zu machen. Noch kurz davor wollte ich in das Feld der erneuerbaren Energien.

Ein Stück Zukunft – zu Staub zerfallen

Aber gerade in der boomenden Photovoltaik kamen in Deutschland vornehmlich veraltete, teure Techniken zum Einsatz. Projektionen zeigten aber exponentielles Wachstum wie sie wenige Jahre zuvor noch zur Windenergie veröffentlicht wurden (und einige Jahrzehnte davor zur Kernkraft). Die Presseberichterstattung war dennoch euphorisch und meist ohne Sachkenntnis. Für die spärliche Kritik an den euphorischen Plänen galt aber das gleiche. Ich entschied, mich davon fern zu halten.

Schon während dem Physikstudium hatte ich mich mit fast allen Formen der Energieerzeugung näher auseinander gesetzt. Die Kernkraft kam dann erst während des neuen Studiums hinzu. Es stand auch in vielen Ländern der Ersatz alter Kernkraftwerke durch neue an. Inzwischen hatte sich die Technik stark weiter entwickelt und ich war von den neuen Sicherheitskonzepten fasziniert. (Das war 2009/10.)

Das Studium lief zunächst gut, die pragmatischen Lerntechniken funktionierten und das breite Fächerspektrum machte das Studium interessant. Ich verstand mich gut mit einem VWL Professor und begann mich ernsthaft mit dem Thema auseinander zu setzen. Die Finanzkrise offenbarte einige Schwachpunkte des Feldes und ich sah ernsthafte Chancen für eine wissenschaftliche Karriere.

Aber Ende 2009, nach nur einem Jahr im Studium, starb mein Vater nach wenigen Wochen Krankheit. Der Verlust wog schwer. Das Studium lenkte mich noch einige Zeit von der Trauer ab, aber sie trug sehr dazu bei, dass ich in den nächsten Jahren zunehmend in völlige Perspektivlosigkeit verfiel.

Ein Ratschlag hilft weiter, zu viele machen schwindelig

Es half auch nicht, dass mir im Lauf der Zeit verschiedene Professoren und Übungsleiter zu verstehen, dass sie glauben, dass mir ihr Fach (Biologie, Sicherheits- und Anlagentechnik, Umweltsoziologie etc.) wohl gut liegen würde. Das kam hauptsächlich daher, dass ich über den Inhalt der Vorlesungen hinaus im Internet recherchiert habe. Das Interesse an einem Fach und das Interesse den Inhalt eines Fachs um des Inhalts wegen zu diskutieren, ist unter Studenten aber leider Mangelware. Daher ist die Reaktion der Professoren um so verständlicher. Nun mag es beim ersten mal hilfreich sein, gesagt zu bekommen, dass ein anderer Mensch glaubt, dass ein Fach einem besonders gut liegt. Nach dem 3. oder 4. mal ist es extrem frustrieren.

Dazu kamen die rein dogmatischen Reaktionen auf die Finanzkrise, die mich der Illusion beraubten, dass die Krise dort eine Neubewertung anstoßen würde. Egal ob von Seiten der Wirtschaft, der Wissenschaft oder der Politik. Die Vorlesungen der Makroökonomie verliefen so, als wären die Theoriegebäude nicht gerade von der Praxis widerlegt worden. Noch schlimmer war aber eine Medienberichterstattung, die über Klischees und Sündenböcken nie hinaus kam. Ich hatte Adam Smith, David Ricardo und John Maynard Keynes gelesen, der Kontrast zu der völlig niveaulosen Diskussion ließ mich sprachlos zurück.

Starrköpfigkeit hilft auch nicht immer

Noch wesentlich schlimmer war die Berichterstattung über den Tsunami in 2011. Zerstörte Städte und Todesopfer gerieten sofort in den Hintergrund, noch heute wird bei den japanischen Gedenkfeiern zu den Opfern des Tsunamis in Deutschland praktisch nur Fukushima erwähnt.

2010 lieferte ich mir Wortgefechte in einer Vorlesung (“Risiko und Katastrophe”) mit einem Soziologieprofessor über Risiken der Kernkraft. Ich suchte damals alles was ich zu dem Thema finden konnte, laß regelmäßig hunderte Seiten von Dokumenten um kompetente Aussagen machen zu können. Ich hatte Quellen und Argumente, er war Professor.

Kein Journalist bemerkte 2011 oder in den folgenden Jahren, dass die Sicherheitstechnik japanischer Kernkraftwerke noch auf dem Stand der 1970er Jahr war. Dagegen wurde in Deutschland zurecht und mit großem Erfolg demonstriert. Die viel diskutierte Nachrüstung der Kernkraftwerke in den 80er und 90er Jahren in Deutschland waren nach 20 Jahren vergessen. So lange war es her, dass man in Deutschland genau die Schwächen ausmerzte, die zum Unglück von Fukushima führten. In Japan schrieb man die gleichen Nachrüstungen 2012 und 2013 vor. Aber auch dazu gab es keine Berichterstattung, wenn überhaupt, nur hämische Kommentare über nun “angeblich sichere” Kernkraftwerke.

Aus dieser Erfahrung schloss ich, dass ich auf keinen Fall Journalist werden sollte. Denn was ich tat war zwar klassischer Journalismus, hatte aber mit der Realität in der Zeitung und anderen Medien nichts zu tun.

Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, meine Bachelorarbeit über das Unglück von Fukushima zu schreiben. Erst damals fand ich heraus, dass es an der Universität einen Gastprofessor gab, der Vorlesungen über Kernkraftwerke hielt, weil er einen Vortrag über Fukushima halten wollte. Mir wurde kurz danach klar, dass die Gastprofessur von Vattenfall gesponsort wird. Der Vortrag war schlecht, auf PR fokussiert und sagte fast nichts zum Unglück in Fukushima Daiichi. Ein anderer Professor, der eine Vorlesung zur Anlagen- und Sicherheitstechnik gab, gab mir zu verstehen, dass er kein Interesse hätte. Angeblich sei bereits “alles bekannt”. Er sah darin nicht, dass eine Bachelorarbeit rechtfertigen würde.

Die Suche nach einem Lehrstuhl für die Bachelorarbeit zögerte meinen Abschluss heraus. Stattdessen belegte ich bereits Fächer für ein Masterstudium. Letztlich schloss ich meinen Bachelor Anfang 2013 ab, mit einer Arbeit über das Anlauf- und Aufbaumanagement von Produktionsanlagen.

Eine Karriere in der Wirtschaft hatte ich aber nie wirklich geplant. Meine Erfahrungen im Praktikum und bei der Ausarbeitung meiner Bachelorarbeit bestätigten mich darin nur noch. Ich begann dennoch das Master Studium, weil mir eine andere Perspektive fehlte und ich zumindest wieder Anspruch auf Bafög hatte und so meinen Lebensunterhalt sichern konnte. Darauf folgte die noch immer erfolglose Suche nach Nischen in der Wirtschaft, die meinem Studium entsprechen und langfristig auch meinen verschiedenen Interessen nachkommt.

Manchmal hilft der Zufall

Vor einiger Zeit stieß ich dann über Umwege im Internet auf Lars Fischer (@fischblog) und einige andere Redakteure bei Spektrum. Das was diese Leute schreiben ist das, wonach ich im ‘echten’ Journalismus vergeblich gesucht habe. Der Wissenschaftsjournalismus ist das was ich suche.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Ich war lange auf der Suche nach dem einen Fach das mich interessieren würde und die Lösung ist, mich auf kein Fach zu spezialisieren. Ich würde meinen vielen Interessen nachkommen können, weil im Mittelpunkt kein einzelnes Fach steht, sondern Recherche und Berichterstattung. Recherchiert habe ich mein ganzes Leben und der Wille das gelernte weiter zu geben ist damit eng verbunden. Ich bin mir sicher, dass sich so die Widersprüche auf meiner Suche nach einem passenden Beruf auflösen lassen.

Mir ist dabei auch bewusst, dass viele der Kritikpunkte die ich am Journalismus habe, an dem unvermeidlichen Zeitdruck liegen. Ich werde nicht die gleichen Zeitmengen für die Recherche aufwenden können wie bisher und die Qualität wird in gewissen Maßen darunter leiden. Ich habe versucht durch einige Blogeinträge diesen Prozess nachzuvollziehen und halte einen ausreiched hohen Standard für absolut machbar. Was mir fehlt ist das Handwerkszeug und professionelle Rückmeldung im Schreiben von journalistischen Artikeln.

Und das war Sinn und Zweck der Bewerbung die ich geschrieben habe und jetzt zu diesem Blogeintrag führte.

2 thoughts on “Der lange Weg hierher

  1. Ich habe nochnicht viele Einträge hier gelesen,, aber Alles was ich hier gesehen habe verleitet mich zu sagen :
    Bleib dran!
    Ich für meinen Teil würde mir mehr Wissenschaftsjournalismus mit Niveau wünschen, wie ich ihn hier sehe.

    mfg
    Jaw

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