Ich fürchte, ich bin ein Jiang-Zemin-Versteher

Ich bn auf ein 12 Jahre altes Video von Jiang Zemin gestoßen, das wohl nicht nur in Hongkong äußerst populär ist, auf dem der damalige Staatsführer einige Journalisten zurecht weißt:

Um eines klar zu stellen: Ich glaube, dass Jiang Zemin hier in der Sache einen schweren Fehler gemacht hat, selbst vor dem Hintergrund des Chinas von 2002. Es ging um das Amt des Chief Executive von Hongkong, das eigentlich in einer demokratischen Wahl bestimmt werden müsste. Eine Position die ich voll unterstütze. Der tatsächliche und unbedingt zu kritisierende Ablauf war dann der, dass der bisherige Chief Executive von Hongkong, Tung Chee-hwa, ohne Gegenkandidaten zur Wahl gestellt wurde.

Das Video zeigt eine Pressekonferenz, auf der Jiang Zemin gefragt wird, ob er Tung unterstützt und ob die Unterstütztung einem “kaiserlichen Erlass” gleich käme. Darauf hin platzt Jiang Zenmin der Kragen. (Offensichtlich nach einem Vorgeplänkel, das hier leider nicht gezeigt und untertitelt wird.)

China ist keine Autokratie

Ich kann mir einfach nicht helfen, ich muss Jiang Zemin in seinem klassischen Rant einfach recht geben. Man kann der chinesischen Regierung wirklich fast alles unterstellen, aber nicht, dass sie Jiang Zemin als eine Art kaiserlichen Autokraten auf den Thron gehoben hätte. Ein Autokrat, der nun nach gutdünken von sich aus regieren kann und dem man jede Entscheidung die er trifft persönlich zurechnen kann. Das aber impliziert die Frage der Journalistin.

Es ist nicht nur so, dass das nicht für das moderne China gilt (dessen Regierungsform einiges zu wünschen übrig lässt), es hat auch für das alte dynastische China der Jahrtausende davor nicht gegolten. China ist groß. Verdammt groß. Es hat mehr Einwohner als die USA, die EU, Russland, Japan, Mexiko und Brasilien zusammen genommen. In einem solchen Land gibt es keinen Alleinherrscher. Der Kaiser im alten China war vollkommen abhängig von der Unterstützung eines riesigen Beamtenapparates, Ministern, Generälen und allerlei anderer hoher Persönlichkeiten, die ihre jeweils eigene Agenda verfolgten. Das ist die Ursache der für chinesische Dynastien üblichen 300 Jahre und den üblichen darauf folgenden Bürgerkriegen.

Im modernen China ist der Präsident ebenso abhängig von der Unterstützung der kommunistischen Partei. Es mag nur eine Partei sein, aber auch sie besteht aus Millionen ambitionierter Mitglieder mit eigenem Kopf und eigenen Zielen.

Die Wichtigkeit der Kompetenz der vierten Gewalt

Wenn Jiang Zemin der Reporterin (und den Journalisten in Hongkong allgemein) also vorwirft, zu Jung und manchmal Naiv zu sein, dann kann ich diese Aussage nachvollziehen. Deren selbstverliebtes Rebellentum mag sehr wohl geeignet sein die Einschaltquoten zu maximieren und das Selbstbild zu unterstützen, aber es bringt absolut niemanden in der Sache weiter.

Die Grundvoraussetzung für nützliche Pressearbeit ist Sachkenntnis. Ein Journalist der über die Chinesische Regierung sinnvoll berichten kann, muss zuerst verstehen wie diese funktioniert, oder zumindest den ernsthaften Versuch unternehmen dieses Verständnis zu erlangen. Dazu gehört auch, dass man sich zumindest auf die Realität des Status Quo eingesteht. Das heißt noch längst nicht, dass man diese Realität als unabänderlich akzeptieren muss. Aber egal welche Änderung man erreichen will, wenn man einen Änderung vom Zustand A zum Zustand B erreichen will ist es unabdingbar möglichst genau zu wissen, was Zustand A eigentlich ausmacht.

Davon war man in diesem Interview so weit entfernt wie es nur irgendwie geht. An den Versuch des Verständnisses treten vorgefertigte Meinungen, die dann durch Antworten auf provokante Fragen bestätigt werden sollen, die kaum über das Niveau von “schlagen sie noch immer ihre Frau” hinaus gehen. Was man damit der Öffentlichkeit präsentiert ist kein Bild der Realität, sondern ein Bild der Vorurteile der Journalisten.

Dabei ist gegen Vorurteile nichts einzuwenden. Jeder hat sie und man kann sie nicht vermeiden. Aber Journalisten müssen sich an den Anstrengungen messen lassen sie unternehmen, über die eigenen Vorurteile hinweg zu kommen. Wenn das Ergebnis dann ist, dass die eigenen Vorurteile der Realität entsprachen, nun, so sei es. Aber wenn es auf dem Weg zu diesem Ergebnis nie auch nur die Möglichkeit gab die eigenen Vorurteile aufzudecken oder zu widerlegen, dann ist das das Markenzeichen von selbstverliebten Reportern, die den Journalismus nur simulieren.

Ein besserer Umgang

Nun kann ich nicht behaupten, dass ich in diesem Interview die perfekten Fragen gehabt hätte, dazu kenne ich mich in der chinesischen Politik zu wenig aus. Aber es ist keine Anbiederung zuerst zu versuchen, die Perspektive der Regierung selbst in Erfahrung zu bringen. Welche Beweggründe sprechen dagegen, andere Kandidaten zu Wahl zuzulassen? Was sind die unverhandelbaren Kriterien, die ein Kandidat aus der Sicht von Beijing erfüllen müsste? Welche Einstellung haben die anderen Parteimitglieder zu Hongkong?

Aus der Sicht von Jiang Zemin könnten absolut demokratische Wahlen in Hongkong durchaus die beste Möglichkeit überhaupt sein. Das Problem wäre gelöst, die Bewohner Hongkongs zufrieden, das Ausland sieht demokratische Wahlen in Hongkong – was soll für Jiang Zemin schlecht daran sein?

Die Vorstellung möglicherweise falsch, aber ich denke nicht, dass sie absurd ist. Nehmen wir an, es wäre so. In dem Fall hätte Jiang Zemin kein Problem, denn er steht an der Spitze der kommunistischen Partei. Aber tausende Parteimitglieder unter ihm hätten plötzliche ernsthafte Gründe sich Sorgen zu machen. Zur Zeit sind sie Mitglieder einer Partei, die garantiert die Regierung stellt. Das würde sich durch ein demokratisches Hongkong nicht ändern, aber es würde ein (aus deren Sicht) ernshaft bedenkliches Signal senden. Die gesamte Regierung beruht aber darauf, dass diese Leute die Regierung in Beijing unterstützen.

Falls sich heraustellen sollte, das ein solches Szenario der Realität entspricht, dann wäre es Aufgabe der Journalisten dieses Problem darzustellen. Das hätte nicht den Effekt, dass plötzlich Demokratie in China einkehrt, sondern kurzfristig ungefähr den gleichen Effekt wie die aktuelle Berichterstattung. Nämlich keinen. Aber langfristig würden zumindest die richtigen Probleme diskutiert, nämlich die Befürchtungen der Parteibasis der kommunistsichen Partei für ihre politische Zukunft in einer Demokratie und kein Schattenboxen gegen einen angeblich autokratischen Kaiserpräsidenten.

Verständnis für den Präsidenten von China zu haben heißt nicht, alles gut zu heißen was er tut. Es heißt auch nicht, ihn für die Bürde seines Amtes zu bedauern. Aber es heißt zu verstehen wie seine Regierung funktioniert und das bestmöglich zu vermitteln. Denn nur dann kann die Öffentlichkeit verantwortungsvolle Handlungen zu Verbesserung der Regierung treffen. Ich persönlich glaube, dass die eine oder ander Form von Demokratie für China die beste Lösung ist. Aber ich würde mir nicht anmaßen zu sagen, wie genau diese auszusehen hat. Ich maße mir hingegen an zu sagen, dass die Form der Pressearbeit und die Form der Kritik die derzeit an der Chinesischen Regierung geübt wird in keiner Weise geeignet ist, eine solche Ändeung herbei zu führen.

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